Hildegard von Bingen
aus dem Buch
De operatione Dei (Welt und Mensch)

Vierte Schau: “Der sechste Monat”  (S.156f)

“Der sechste Monat mit seiner Hitze ist recht trocken. Um des guten Gedeihens willen mildert er seine Natur mit jenem Lufthauch, der den Früchten die Reife bringt. Doch gießt er auch bisweilen im Übermaß die Wasserfluten aus.

Hiermit wird auf die Schultern des Menschen hingewiesen, die in ihrer Wärme ebenfalls trocken sind, sich jeder Arbeit unterziehen, jegliches Werk durchführen und so den Körper im Ganzen erhalten. Zuweilen sehnen sie sich ob aller Arbeit nach Ruhe, wie wenn ein Vogel vor Ermüdung seine Flügel lockert...

Ähnlich ist der zweite Sinn, das Hörvermögen, gewissermaßen ein kleiner Flügel für das Verständnis der Worte, die er empfängt. Indem die Ohren den Klang einer jeden Erscheinung aufnehmen, kann jedes Ding der Natur, was und wo es auch sei, seinem Wesen nach erkannt werden. Aus diesem Grund strengt der Mensch, dieses Wesen zu entdecken, auch eher seinen Geist an.

Das Seelenvermögen, das durch die Ohren so empfindet, wie wenn es durch das Hören weiter nichts leiste, wird dabei nicht überdrüssig und keineswegs gesättigt. Es hat vielmehr das Verlangen, vieles noch darüber hinaus zu erkennen und sich zu merken.

So dehnt auch der sechste Monat, nicht mehr feucht, die Früchte, die er mit seiner milden Wärme hervorgebracht hat, nach allen Seiten hin und bereitet sie zur Reife vor. Wie sich in diesem Monat Wasserfluten mit gefährlichem Donnergetöse voller Schrecken ergießen, so sind unter all dem, was das Gehör über die Ereignisse in der Welt gefällig heranträgt, manche Dinge, die nur mit Furcht und Bekümmernis aufgenommen werden können.

Das Gehör ist in der Tat der Anfang der vernünftigen Seele. Wie geschriebene Worte zuvor ausgesprochen werden, so wird über das Hörvermögen das Diktierte und Verfaßte, je nach dem Vorhaben des Menschen, zur Ausführung gebracht. Die Seele wird gleichwohl gezwungen, all dieses Gute und Böse, Wertvolle und Minderwertige zu ertragen - sie, die schon im Beginn des Hörens wegen der Seufzer und Tränen (weil sie die guten Werke  noch nicht in Angriff nahm) sich nicht ganz und gar freuen kann!

Die Schultern, die alle Feuchtigkeit der Eingeweide und der anderen Organe des Menschen und damit den ganzen Organismus tragen, haben eine beachtenswerte Ähnlichkeit mit dem Hörvermögen (das der Anfang der Seele ist und durch welches alle Werke vollendet werden), wie auch alle Lasten von den Schultern getragen werden.

Wie die Eingeweide untereinander zusammenhängen, so sind auch alle Taten des Menschen miteinander verbunden: Durch die guten Werke, die die bösen bezichtigen, hat der Mensch Freude. An den schlechten Taten, durch die die guten erkannt werden, hat er Trauer. Mitten aus seiner vollen Freude heraus kann der Mensch leicht wieder in Traurigkeit gestürzt werden.

Und so sucht er die Ruhe, wie ja der Mensch oft ein Verlangen nach Stille in sich trägt, die er doch nicht erlangen kann. Daher wird die Seele - hart beansprucht, solange sie im Leibe weilt - für ihre guten Taten in die ewige Heimat aufgenommen werden, während sie für die schlechten Handlungen, je nach Verdienst, der Bestrafung zugeführt wird.”

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Letzte Änderung: Donnerstag, 11. Juli 2019  


 

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Der initiatische Weg erweitert Wahrnehmung und Bewusstsein. Er führt sowohl zum transzendenten Wesen der Muaik, als auch zum eigenen licitvollen Wesenskern. Große, inspirierte Musik ist eine geistige Matrix, die Informationen für die neue Zeit vermittelt.